20.07.2018

a.Prof. Dr. André Martinuzzi, Vorstand des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien zu Nachhaltigkeit und verantwortungsvoller Innovation.

Es gibt keinen Plan(eten) B!

a.Prof. Dr. André Martinuzzi, Vorstand des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien

a.Prof. Dr. André Martinuzzi, Vorstand des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien

Unternehmen produzieren Güter und verdienen damit Geld. Die Politik schafft dafür die Rahmenbedingungen, unter anderem auch, was die mögliche Art und Weise des Wirtschaftens betrifft. Warum sollen Unternehmen selbst Nachhaltigkeit zum Firmen-Thema machen?
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rollen- und Machtverteilung zwischen Politik und Unternehmen spürbar verschoben. Global tätige Unternehmen haben heute größere Bilanzsummen als das Bruttonationalprodukt mancher Staaten. Zudem gelingt es der Politik nicht immer, effektive Rahmenbedingungen zu setzen. Dann ist eigenverantwortliches und nachhaltigkeitsorientiertes Handeln der Unternehmen gefragt.

Wie finde ich als Konsument am besten heraus, ob es ein Unternehmen mit Nachhaltigkeit ernst nimmt oder ob es sich dabei nur um ein grünes Feigenblatt handelt?
Vertrauenswürdig sind Marken, Produkte oder Unternehmen, die von unabhängigen Gutachtern überprüft werden und anerkannte Gütesiegel verwenden. Besonders vertrauenswürdig sind Prüfsysteme, in die staatliche Stellen eingebunden sind. Misstrauisch wäre ich bei Auszeichnungen, die ein Unternehmen sich selbst verleiht oder die von Medien oder Consulting-Firmen verliehen werden.

Kann ich durch mein tägliches Kaufverhalten die Welt in Richtung mehr Ökologie verändern? Ist das überhaupt realistisch?
Jedes Produkt – vom Schokoriegel bis zum Smartphone – wurde unter bestimmten Bedingungen hergestellt. Wenn ich Produkte bevorzuge, die umweltfreundlich und zu fairen Bedingungen hergestellt wurden, entsteht ein Wettbewerbsvorteil für diese Unternehmen, die sich besonders bemühen. Selbstverständlich ändert das nur etwas, wenn ich nicht der Einzige bin, sondern wenn viele Menschen so handeln.

Ein Vergleich, der bewusst überzeichnet: Menschen in den Industrieländern fahren mit dem Tesla zum Naturkostladen, um Bio-Lebensmittel einzukaufen, während in den Entwicklungsländern für viele das nackte Überleben im Vordergrund stehen muss. Müsste der Hebel der Veränderung zu einer besseren, gerechteren Welt nicht zuerst in den bevölkerungsreichen, bitterarmen Regionen angesetzt werden?
Unsere Lebensform in den Industrieländern ist das über Facebook und YouTube exportierte Leitbild von Milliarden Menschen, die auch gerne ausreichend zu essen und sauberes Wasser, geheizte und komfortable Wohnungen, eine 40-Stunden-Woche, ein Auto und die Aussicht auf ein Alter in Gesundheit und Würde hätten. Es liegt daher an uns Menschen in den Industrieländern, ein neues Wohlstandsmodell zu entwickeln, das auf zehn Milliarden Menschen übertragbar ist und für mehrere Jahrhunderte aufrecht erhalten werden kann.

Was sind für Sie die drei dringlichsten ökologischen Themen, denen Politik und Wirtschaft Priorität einräumen sollten?
Erstens: Der Klimawandel – wenn wir unseren Planeten um mehr als zwei Grad aufheizen, werden die Permafrostböden in Sibirien und Kanada auftauen, unglaubliche Mengen von Methangas freisetzen, was zu einer unaufhaltbaren weiteren Erwärmung führt. Wenn dieser Teufelskreis einmal in Gang gesetzt ist, wird sich der ganze Planet verändern. Mehr als eine Milliarde Menschen wird ihre Heimatländer verlassen müssen, weil dort kein Leben mehr möglich ist und die Ernährung der Weltbevölkerung wird trotz Gentechnik und Kunstdünger nicht mehr möglich sein. Das Zeitfenster um das alles noch zu verhindern ist kurz: rund 10-15 Jahre.

Zweitens: Der Artenverlust – in der Geschichte der Erde hat es immer wieder Phasen gegeben, wo ein hoher Anteil der Pflanzen- und Tierarten ausgelöscht wurde. Die Wirkungen der Menschheit auf die globale Artenvielfalt sind ähnlich dramatisch, nur etwas langsamer. Was ein Asteroiden-Einschlag in wenigen Stunden vernichtet, vernichten wir in rund 100 Jahren. Aber wir wären im Vergleich zu Asteroiden intelligent genug unser Handeln zu verstehen und zu ändern.

Drittens: Wir brauchen ein neues Wirtschaftsmodell ohne Wachstumszwang und destruktiven Wettbewerb. Als Menschheit haben wir uns in einen sinnlosen und kontraproduktiven Wettbewerb untereinander verrannt. Angesichts der globalen Gestaltungsmacht, die wir als Menschheit durch unsere Technologien erlangt haben, sollten wir uns nicht durch kurzfristige Wettbewerbsvorteile leiten lassen, sondern uns als Netzwerk verantwortungsbewusster Gestalter einer lebenswerten Zukunft begreifen.