30.07.2019

Ein Interview mit Dr. Markus Hiebel, Abteilungs­leiter für Nachhaltigkeits- und Ressourcen­management im Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT)

Wie sieht eigentlich die ideale nachhaltige Verpackung aus?

Dr. Markus Hiebel, Abteilungsleiter für Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement im Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, erklärt, was eine nachhaltige Verpackung ausmacht und welchen Herausforderungen sich Unternehmen stellen müssen, um mehr Recyclingmaterial einzusetzen.

Herr Hiebel, beschreiben Sie die perfekte nachhaltige Verpackung mit fünf Schlagwörtern.

Ressourceneffizient, kreislauffähig, aus Recyclingmaterial, unkompliziert, umweltvorteilhaft.

Auf welche Ressourcen sollte diese Verpackung zurückgreifen?

Die perfekte Verpackung sollte aus Recyclingmaterial oder – abhängig vom Anwendungsfall – aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen.

Können nachhaltige Verpackungen alle Anforderungen, die die Industrie an Verpackungen stellt, erfüllen? Gibt es Bereiche, in denen man Abstriche machen müsste?

Es gibt bestimmte Funktionalitäten, die Verpackungen bieten müssen, um zum Beispiel Lebensmittel haltbar zu verpacken. Bei anderen Eigenschaften, wie der Transparenz oder der Farbe der Verpackungen, können gegebenenfalls Abstriche gemacht werden. Hier muss aber auch diskutiert werden, wie Kundinnen und Kunden diese Änderungen annehmen. Außerdem müssten wir teilweise auch den Produktionsprozess umstellen – dies kann sich auf Investitionsentscheidungen und Kosten auswirken.

Vor welche Herausforderungen stellt uns die Verwendung von Rezyklat?

Herausforderungen bei der Verwendung von Rezyklat liegen in fehlenden Mengen und in der Gewährleistung einer entsprechenden Qualität der benötigten Mengen. Zudem müssten in der Industrie Prozesse auf die Rezyklate angepasst werden und es muss diskutiert werden, welche Anforderungen unbedingt nötig und welche eventuell weggelassen oder verändert werden können.

Warum fällt es so vielen Unternehmen schwer, auf 100 Prozent Rezyklat umzusteigen?

Die oben genannten Gründe spielen eine wichtige Rolle. Eine weitere Herausforderung sind die im Vergleich zu Rezyklaten oft günstigeren Preise der Primärkunststoffe aus fossilen Quellen.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis alle Unternehmen 100 Prozent Rezyklat verwenden werden?

Es gibt schon einige freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen und auch Anforderungen der Europäischen Union Rezyklat einzusetzen – zum Beispiel müssen PET-Flaschen ab 2025 einen Mindest-Recyclinganteil vom 25 Prozent aufweisen. Eine Umstellung auf 100 Prozent Rezyklat scheint kaum realisierbar, da immer Materialmengen aus dem Kreislauf ausscheiden, unter anderem durch Qualitätsverluste. Trotzdem sollten wir uns auf den Weg zu möglichst hohen Einsatzquoten von Rezyklaten machen.

Bananenblätter, Algen und Milchproteine – welche natürlichen Verpackungsalternativen haben für Sie eine realistische Zukunft im Verpackungssektor?

Das hängt sehr stark von der Anwendung ab. Lokal könnten Bananenblätter Lebensmittel verpacken. Momentan wird auch viel an sogenannten Makroalgen geforscht, die biologisch abbaubar und sogar essbar wären. Hier gibt es aber zum heutigen Zeitpunkt noch Schwierigkeiten aufgrund des hohen Wassergehalts und der Haltbarkeit. Grundsätzlich ist die Barrierefunktion ein wichtiger Indikator, der unter anderem Einfluss auf die Haltbarkeit etwa von Lebensmitteln hat.



Um die Recyclingfähigkeit neuer Verpackungen schnell und zuverlässig zu ermitteln, nutzt Henkel das eigens entwickelte Software-Tool EasyD4R. Dieses Bewertungstool stellt Henkel nun auf seiner Webseite unter henkel.de/easyd4r öffentlich zur Verfügung, damit es noch weitere Unternehmen und Organisationen nutzen und so einfacher nachhaltige Verpackungslösungen entwickeln können.

Um die Recyclingfähigkeit neuer Verpackungen schnell und zuverlässig zu ermitteln, nutzt Henkel das eigens entwickelte Software-Tool EasyD4R. Dieses Bewertungstool stellt Henkel nun auf seiner Webseite unter henkel.de/easyd4r öffentlich zur Verfügung, damit es noch weitere Unternehmen und Organisationen nutzen und so einfacher nachhaltige Verpackungslösungen entwickeln können.

 Dr. Markus Hiebel

Dr. Markus Hiebel, Abteilungs­leiter für Nachhaltigkeits- und Ressourcen­management im Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT)

Wie lässt sich das von Henkel entwickelte Bewertungstool für kreisläufige Verpackungen bereits in den Verpackungsentwicklungsprozess einbinden?

Durch das Tool bekommen Verpackungsentwickler direkt eine Rückmeldung bezüglich der Recyclingfähigkeit unterschiedlicher Verpackungsvarianten. Werden beispielsweise die Materialauswahl und -kombinationen verändert, zeigt das Tool, welche Auswirkungen diese Entscheidungen haben. So können bereits im frühen Stadium der Entwicklung entsprechende Entscheidungen durchgespielt und getroffen werden.

Fraunhofer UMSICHT hat das Tool hinsichtlich der Nutzbarkeit, Angemessenheit und Logik überprüft. Wie lassen sich diese Variablen genau überprüfen?

Wir haben das Tool mit unterschiedlichen Daten gefüttert und geschaut, ob es verlässliche Ergebnisse bringt. Weiter haben wir die Annahmen und Dokumentation hinter dem Tool untersucht sowie die Vollständigkeit der gewählten Kriterien und die Angemessenheit der Bewertung geprüft, zum Beispiel zur Frage, wie „streng“ das Tool bewertet.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach das Bestreben nach nachhaltigen Verpackungslösungen?

Wir sollten gemeinsam unter Hochdruck an nachhaltigen Lösungen arbeiten – gerade beim Verpackungsdesign sehe ich noch Potenziale.