24.01.2022

Interview mit Adria Orbea, Corporate Director Global Marketing, Digital & Sustainability, Henkel Wien

Nachhaltigkeit am Bau - ein Nischenthema?

Nachhaltigkeit bei Henkel wurde früher meist mit dem Konsumgüterbereich verknüpft, warum ist das Thema erst jetzt so richtig bei Adhesive Technologies angekommen? 

Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema. Nachhaltig zu handeln, ist für Unternehmen eine Existenzfrage. Das gilt für Henkel, und das gilt somit auch für den Bereich Adhesive Technologies. Die Bauindustrie beispielsweise ist weltweit für bis zu 40 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Dieser Verantwortung müssen auch wir uns strategisch stellen und wollen uns in dreierlei Hinsicht verbessern, nämlich hinsichtlich CO2-Reduktion, Kreislaufwirtschaft und in puncto sicheres Zuhause. 

Nachhaltigkeit war bei Adhesive Technologies immer so wichtig wie bei den beiden Henkel-Konsumgüterbereichen. Im Bereich Bautechnik haben wir es jedoch verabsäumt, über unser Engagement umfassend zu kommunizieren. Was haben wir beispielsweise im Zeitraum 2010 bis 2020 erreicht? In vielen Fabriken setzen wir inzwischen auf 100 Prozent erneuerbare Energien und laufende Prozess-Verbesserungen. In Osteuropa konnten wir die CO2-Emissionen um ein Drittel pro produzierte Tonne reduzieren, das Abfallaufkommen um 73 Prozent. Das wissen aktuell noch zu wenige Kunden und Konsumenten. Das wollen wir ändern. 

Und wie?

Mit unserer neuen Ceresit Website als Basis-Wissensplattform sind wir hier auf gutem Weg. Wir müssen die Handwerker, Architekten und Heimwerker besser informieren. Unsere Kunden wollen gute Arbeit leisten, pünktlich sein, Qualität abliefern, am besten mit Produkten, auf deren Qualität sie seit Jahren vertrauen. Sie wollen keine Experimente, obwohl ihnen Themen wie Gesundheit, Luftverschmutzung oder CO2-Emissionen zusehends wichtiger werden. Unsere Kunden möchten von uns konkrete Lösungen. Die müssen wir Ihnen liefern.

Sind die meisten Bautechnik-Kunden denn offen für das Nachhaltigkeitsthema oder ist Nachhaltigkeit derzeit noch eine Nische? 

Unsere internationalen Kunden sind dafür sehr offen, weil sie selbst zahlreiche Nachhaltigkeitsziele verfolgen. Wir müssen in den Gesprächen mit ihnen herausfinden, wie wir sie dabei unterstützen können. Nur wenn wir mit unseren Kunden Partnerschaften eingehen, können wir gemeinsam wirklich Großes bewegen. Die Situation bei unseren lokalen Kunden ist da noch etwas anders. Nachhaltigkeit wird hier oft als Nischenthema gesehen, meist im Zusammenhang mit Sozialprojekten. Hier wollen wir mehr Aufklärungs- und Bewusstseinsarbeit anhand von konkreten lokalen Initiativen leisten. 

Im Konsumgüterbereich tun sich Anbieter schwer, einen ökologisch gerechtfertigten Mehrpreis zu verlangen. Darf Nachhaltigkeit etwas kosten? 

Auch wir tun uns hier momentan sehr schwer, dass nachhaltigere und dadurch oft teurere Produkte mehr kosten dürfen. Hier ist noch viel Aufklärung notwendig. Entscheidend ist für uns dabei aber weniger die Preisdiskussion, sondern der Fokus auf die konkreten Produktvorteile und den Mehrwert unserer Marken. Nur dann kann für Nachhaltigkeit, die einen Mehrpreis rechtfertigt, auch dieser höhere Preis beim Kunden durchgesetzt werden. 

Im Konsumgüterbereich gibt es spezielle „grüne Öko-Marken“. Ist diese Produktstrategie auch für Sie relevant? Wird es in Zukunft ein „Eco-Ceresit“ am Markt geben? 

Das wäre nur interessant, wenn unsere Kunden und der Markt dafür auch bereit wären. Aber, wie gesagt, sind wir vom Nachhaltigkeits-Bewusstsein her noch lange nicht so weit. Daher müssen wir schrittweise das Thema fördern und das Interesse daran sukzessive vorantreiben: anhand von Initiativen im Rahmen unserer drei Nachhaltigkeits-Eckpfeiler und anhand von entsprechenden Schulungsmaßnahmen für Handwerker. Darüber hinaus gibt es den starken Trend, dass Gebäude weltweit verschiedenen Öko-Zertifikaten wie LEED, BREAM oder DGNV entsprechen müssen. Wir arbeiten intensiv daran, unsere Produkte darauf auszurichten. Ist das dann der Fall, könnte eine Öko-Marke Ceresit durchaus irgendwann eine Zukunftsoption sein. 

Das Bautechnik-Sortiment wurde einer Nachhaltigkeitsanalyse unterzogen. Was war das Ergebnis? 

Diese Analyse hat uns zum ersten Mal konkret und nachvollziehbar gezeigt, was wir in puncto Nachhaltigkeit zu leisten imstande sind. Mit unseren Dämmsystemen ETICS und WINTEQ sowie unserem Dachkühlungssystem, das wir in Mexiko im Einsatz haben, fällt bereits rund ein Viertel unseres Sortiment-Umsatzes in den Bereich CO2-Reduktion. Dazu kommt unser Engagement hinsichtlich nachhaltigerer Verpackungen für unsere Produkte. Unser Ziel ist es, den Nachhaltigkeitsbeitrag unserer Produkte bis 2024 auf 40 Prozent zu steigern: mit Lösungen für grüne Gebäude, durch zementbasierte Produkte mit geringerem CO2-Ausstoß und mit weiteren Verbesserungen im Verpackungsbereich, wie etwa unserem Öko-Eimer-System, das zu 50 Prozent aus Recyclingmaterial besteht und zu 100 Prozent wiederverwertbar ist. Auch wollen wir unsere Produkt-Rezepturen sukzessive verbessern. 

Wie weit sind Sie bei klimaneutralen Werken? Ist das Werk Bileca in Bosnien-Herzegowina als Vorreiter bereits klimaneutral? 

Das von ihnen angesprochene Bileca-Projekt in Bosnien-Herzegowina schreitet gut voran, wir haben gerade die Baugenehmigung für die Solar-Paneele erhalten. Im vierten Quartal 2022 wird es dann so weit sein, dass grüne Energie ins Stromnetz eingespeist wird. Unser bosnisches Werk hat im Unterschied zu den anderen Standorten den Vorteil, dass es elektrische Energie für den Produktionsprozess und die Sandtrocknung einsetzt. Sand ist für unser Bautechnik-Geschäft der Hauptrohstoff. Wir kaufen ihn am Markt, müssen ihn dann trocknen und setzen dafür oft Gas als Energieträger ein. Hier suchen wir alternative, nachhaltigere Optionen, elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen beispielsweise. Unser Plan ist die klimaneutrale Umstellung aller Werke. 

Was sind die aktuell erfolgversprechendsten Nachhaltigkeits-Innovationen? 

Die erste große Innovation für 2022 ist ein neuer Fliesenkleber mit einem nachhaltigen Bindemittel, das unseren CO2-Fußabdruck um rund 30 Prozent reduziert. Zusätzlich setzen wir gemeinsam mit unseren Lieferanten vermehrt auf Biomasse bei Rohstoffen. Und im Verpackungsbereich wollen wir die Kreislaufwirtschaft fördern und dadurch den Baustoffabfall weiter reduzieren. Schlussendlich soll unser erstes Ecocard-Konzept unsere Produkte für die Zertifizierung im Bereich grüner Gebäudetechnik so adaptieren, dass wir überregional bei verschiedenen Projekten als Lieferant zum Zug zu kommen.

Mann trägt Ceresit CM 11 Sack auf der Schulter

Adria Orbea, Corporate Director Global Marketing, Digital & Sustainability