24.03.2022

Interview mit Dr. Jens-Uwe Meyer über Innovation und Zukunftsfähigkeit

„Innovative Unternehmen hinterfragen erfolgreiche Dinge“

People in front of an illuminated display watching a 3D printing process.

     
Wann ist ein Unternehmen innovativ? Wenn es neue Produkte entwickelt? „Nicht nur“, verrät Dr. Jens-Uwe Meyer, Experte für Innovationsmanagement und Geschäftsführer der Innolytics AG: „Innovation umfasst mehr als nur Produktinnovation.“ Im Gespräch erläutert der Autor und Keynote Speaker, was innovative Unternehmen auszeichnet, auf welche Innovationen sie neben Produkten setzen können und wie die Zukunft der Innovation in offenen, vernetzten und dynamischen Systemen aussieht.

Herr Dr. Meyer, Innovation gab es schon immer. Würden Sie sagen, dass sich das Ausmaß, in dem versucht wird, Innovationen bewusst und proaktiv hervorzubringen, verändert hat?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Absolut. Es lassen sich drei Trends ausmachen, die die Innovation von heute prägen. Wir merken erstens weltweit einen steigenden Innovationswettbewerb. Die gute Lösung von heute ist der Durchschnitt von morgen und übermorgen bereits veraltet. Zweitens merken wir, dass der Begriff „Innovation“ immer breiter gefasst wird. Innovation umfasst heute nicht mehr nur Produktinnovation. Es gibt auch Nachhaltigkeitsinnovation oder innovative Geschäftsmodelle. Der dritte Trend ist die Digitalisierung als regelrechter „Game Changer“. Sie zwingt uns, vieles grundsätzlich neu zu denken: Die Art, wie wir Dinge vermarkten, wie wir sie anbieten und auch, wie wir sie entwickeln.

Dr. Jens-Uwe Meyer, expert for innovation culture and innovation management

   

Die gute Lösung von heute ist der Durchschnitt von morgen und übermorgen bereits veraltet.

Ist Digitalisierung ein Innovationstreiber? Gibt es weitere?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Digitalisierung ist ein wichtiger Treiber. Wir sind auf dem Stand, dass wir Lieferketten und Produktionen digitalisiert haben. Aber jetzt folgt die nächste Stufe. Jetzt unterstützt uns die Software nicht nur, sie kann uns auch Entscheidungen abnehmen, basierend auf Daten. Das Thema Nachhaltigkeit sehe ich als weiteren Treiber. Nachhaltigkeit ist ein großer Wachstumsmarkt der nächsten Jahre und führt zum Teil zu einer radikalen Umstellung in der Produktion, im Vertrieb, in der Logistik – es kommt überall zu einem Wandel.

Was ist das Erfolgsrezept von innovationsstarken Unternehmen?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Unternehmen müssen es schaffen, den Konflikt zwischen Erhalten und Erneuern zu lösen. Innovative Unternehmen hinterfragen erfolgreiche Dinge. Im klassischen Management macht man genau das Gegenteil: Man schaut, wo man erfolgreich ist, und versucht dann, innerhalb dieses Erfolgssegments zu wachsen. Erfolgreiche Unternehmen denken auch drei bis fünf Jahre im Voraus. Dazu gehört auch, es zuzulassen, dass manchmal das Innovationsprojekt vielleicht dem kurzfristigen Erfolg im Weg steht. Man braucht eine klare Vision.

Dr. Jens-Uwe Meyer, expert for innovation culture and innovation management

   

Unternehmen müssen es schaffen, den Konflikt zwischen Erhalten und Erneuern zu lösen.

Wie wichtig ist eine Innovationskultur im Unternehmen und wie lässt sich eine solche etablieren – auch langfristig?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Die Innovationskultur ist der zentrale Veränderungstreiber für Unternehmen, die sich verändern wollen. Sie sorgt dafür, dass neue Ideen und Projekte erfolgreich in die Umsetzung gelangen. Kreieren lässt sich eine Innovationskultur durch das tägliche Vorleben durch die Führungskräfte. Es geht darum, Beschäftigte zu animieren, neue Ideen zu generieren, das Bewährte infrage zu stellen und ausreichend Ressourcen für diese Prozesse zur Verfügung zu stellen. Zu einer Innovationskultur gehört auch eine Fehlerkultur und damit der Wille, aus Fehlschlägen zu lernen. Und es gehört dazu, dass man zielorientiert und weniger prozessorientiert agiert. Prozessorientiert heißt, ich mache die Abläufe richtig und verändere wenig. Zielorientiert bedeutet, dass ich ein Ziel verfolge und dementsprechend Dinge verändern muss. Beides steht häufig gegeneinander und muss letztlich vom Topmanagement gelebt werden.


Genauso relevant wie eine positive Fehlerkultur und ein guter Führungsstil ist ein vielfältiges Team.

Welche Herausforderungen ergeben sich beim Etablieren einer Innovationskultur?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Innovation geschieht immer auf zwei Arten: Es gibt die Top-down getriebene Innovation, wenn es darum geht, neue strategische Geschäftsfelder und Produkte zu entwickeln. Die große Herausforderung besteht jedoch darin, das Ganze auch umgekehrt zuzulassen, also Bottom-up. Das erfordert, dass ich die Beschäftigten konsequent anleite, ihnen Fragen stelle und dass ich es schaffe, sie dahin zu bringen, unternehmerisch zu denken.

Braucht es Zusammenarbeit für Innovation oder geht es auch in ‚Isolation‘?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Es ist die Kombination aus beidem. Die Isolation braucht man, wenn man sich auf etwas fokussieren will. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo man seine innovative Idee anderen vorstellen, sie testen muss. Was sagt der Markt dazu, was die Kunden? Mit dem Input arbeitet man dann wieder. Es ist dieses Spannungsverhältnis zwischen Austausch und Isolation, das wichtig ist.

Wie wichtig ist das Thema Open Innovation?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Open Innovation beziehungsweise offene Innovation, also die aktive strategische Nutzung der Außenwelt, ist enorm wichtig zur Vergrößerung des Innovationspotenzials. Open Innovation hat verschiedene Facetten und ist dementsprechend auf unterschiedlichen Ebenen wichtig. Man kann zum Beispiel auf einem B2B-Level zusammenarbeiten und sich mit Start-ups oder anderen Unternehmen verbünden. Und dann gibt es noch das B2C-Level, also die Zusammenarbeit mit den Konsument:innen. Für beide Kooperationen gilt: gegenseitiges Vertrauen. Für beide Kooperationen gilt aber auch, vorab zu klären, wo die Chancen der Zusammenarbeit liegen und wo die Grenzen. Die wenigsten Konsument:innen sind in der Lage, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln. Sie können aber Input zu bestimmten Dingen wie der Produktgestaltung geben.

Wann haben Sie das letzte Mal etwas neu gedacht?

Dr. Jens-Uwe Meyer: Meine letzte Innovation liegt drei Stunden zurück. Einer meiner Entwickler hat eine neue Funktion in einer Software implementiert. Eigentlich sind wir alle permanent von Innovationen umgeben. Doch wir würdigen oder erkennen diese nicht immer. Die wichtigsten Erfolge sieht man immer dann, wenn man zurückblickt und sich fragt: Wo war ich vor einem Jahr und wo bin ich heute?

Checkliste: Wie innovativ ist mein Unternehmen?

1.

Fördern oder unterdrücken unsere Führungskräfte Innovationen und wie können wir sie zur Verantwortung ziehen?

2.

Machen wir in unserem Unternehmen alles, was möglich ist, um Menschen und Teams mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen zusammenzubringen?

3.

Sind wir bereit, offene Innovationsstrategien zu entwickeln und neue externe Ideen in das Unternehmen zu bringen?

4.

Ist unsere Innovationsstrategie mit unseren Geschäfts- und Nachhaltigkeitszielen abgestimmt und ist sie flexibel genug, den Handlungsschwerpunkt zu ändern, wenn sich die Welt verändert?

5.

Haben wir unsere Innovationstätigkeit in alle Bereiche des Unternehmens integriert, oder beschränkt sie sich auf die Forschung und Entwicklung?

6.

Sind unsere Innovationsteams bereit für agiles, digital ausgerichtetes Arbeiten?

7.

Verfügen wir über die erforderlichen Kompetenzen und das Potenzial, um Innovationen zu schaffen, die in der digitalen Welt überzeugen?

8.

Nutzen wir das gesamte Potenzial digitaler Daten und Analysen, um zu verfolgen, wie Innovationen bei den Verbraucher:innen ankommen, und sind wir agil und mutig genug, um Anpassungen schnell umzusetzen?

9.

Haben wir ein Radar, um die neuesten Kunden- und Technologietrends zu verfolgen, und eine Erklärung dafür, wie diese Trends zusammenlaufen?

10.

Sind wir risikotolerant und wissen unsere Mitarbeiter:innen, dass sie scheitern können?

Quelle der Checkliste: Studie „Cultivate the new – Innovation for the long term”, The Financial Times LTD & Henkel (2020)

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