27.07.2022

Intelligente Medizinprodukte revolutionieren das Pflegesystem

Smart Adult Care: Wie intelligente Windeln das Leben von Patient:innen verbessern und dem Pflegekräfte­mangel entgegen­wirken

Pflegekräftemangel und eine alternde Gesellschaft – keine gute Kombination. Schon jetzt zeigen sich Auswirkungen, die sowohl die Patient:innen als auch die Pflegenden betreffen. Doch wie kann auch zukünftig eine bedarfsgerechte und würdevolle Pflege gewährleistet werden? Die Lösung: intelligente Medizinprodukte, wie smarte Windeln. Im Interview erzählen Jenna Könneke, Director Market Strategy Adhesive Technologies Consumer Goods bei Henkel, und Ulrich Wagner, Business Development Manager Digital Hygiene Solutions EIMEA bei Henkel, wie diese digitalen Pflegeprodukte funktionieren und wie sie eine neue Art der Pflege ermöglichen

In dieser Story erfährst du:

Wie funktioniert eine smarte Windel für inkontinente Pflegebedürftige?

Jenna: Mit Smart Adult Care verwandeln wir herkömmliche Windeln in vernetzte, intelligente Medizinprodukte. Dafür drucken wir mit grafitbasierter Tinte Sensoren auf flexible Materialien, wie Windeln. Die Tinte funktioniert als Leiter, der sich verändernde Spannungen in seinem Umfeld wahrnimmt. In Kombination mit einem an der Windel befestigten Smart Pod werden die gesammelten Daten an eine Cloud geschickt und durch eine Software sichtbar gemacht. Sobald der Pod die Daten versendet, bekommen die Pflegekräfte App-Mitteilungen auf ihre verknüpften Endgeräte. So ist das Pflegepersonal über den Zustand aller zugeordneten Patient:innen informiert, ohne im gleichen Raum sein zu müssen. Dieser Vorgang macht eine völlig neue Art der Pflege möglich, weil man priorisieren und bedarfsgerecht agieren kann.

A diaper with three printed electronic stripes that has a pod attached that can transmit real-time patient data.

The pod attached to the smart diaper allows the remote tracking of patient data.

Welche Daten werden mit der smarten Windel gesammelt und überwacht?

Jenna: Neben der Feuchtigkeit messen wir die Bewegung und die Temperatur. Die Feuchtigkeitsdaten sind wichtig für den Zeitpunkt des Windelwechselns. Die Bewegungsdaten zeigen, wie lange eine Person zum Beispiel in der gleichen Position verharrt oder ob sie gestürzt sein könnte. Und die Temperaturdaten geben sowohl Hinweise auf mögliche Infektionen als auch auf eine geeignete Umgebungstemperatur.

Diese Daten misst die intelligente Windel

Icon WINDEL-FEUCHTIGKEIT

WINDEL-FEUCHTIGKEIT

Icon POSITION

POSITION

Icon TEMPERATUR

TEMPERATUR

Icon STURZERKENNUNG

STURZERKENNUNG

Wie ist die Technologie integrierbar in unser bestehendes Pflegesystem?

Ulrich: Noch sind smarte Windeln nicht leicht zu integrieren, da wir in Deutschland bei der Digitalisierung der Pflege aufholen müssen. Aktuell wird jedoch darüber gesprochen, ob es das Krankenhauszukunftsgesetz auch für Pflegeeinrichtungen geben soll. Es würde dafür sorgen, dass Einrichtungen Mittel zum Aufbau einer digitalen Infrastruktur sowie Investitionen für digitale Gesundheitslösungen erhalten. Das ist ein wichtiger Schritt, um den Pflegekräftemangel zu meistern. Derzeit gibt es allerdings noch keinen Standard im Hinblick auf die digitale Infrastruktur. Deshalb können wir mit unserer Lösung nicht direkt in bestehende Systeme hinein integrieren, sondern bringen unser Netzwerk zu den Einsatzorten mit.

Worin besteht die größte Entlastung für das Pflegepersonal?

Ulrich: Im Moment sind in Pflegeeinrichtungen Routinen der Standard. Jeden Tag werden dieselben Tätigkeiten verrichtet, auch im Inkontinenz-Management. Smart Adult Care hat viele Vorteile für das Pflegepersonal, denn es spart Zeit, indem unnötige Kontrollen der Windel vermieden werden. Unsere Lösung trägt außerdem dazu bei, dass sich der Gesundheitszustand der Bewohner:innen verbessert oder zumindest erhalten bleibt. Denn oftmals fallen Behandlungen von Hautproblemen weg, die durch smarte Windeln verhindert werden können. Es gibt allerdings auch Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Denn der Arbeitsalltag der Pflegekräfte verändert sich stark: weg von einer Routine, hin zu einem selbstständig geplanten Tagesablauf, der der Pflegekraft viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Deshalb müssen sie dem System vertrauen und den Nutzen für sich und ihre Arbeit sehen.

Wie können smarte Pflegeprodukte zum Altern in Würde beitragen?

Jenna: Die Qualität und Diskretion der Pflege werden um einiges verbessert. Pflegebedürftige Menschen sind sich oftmals bewusst, dass sie auf Hilfe in einem sehr intimen Moment angewiesen sind. Dies bedarf großer Empathie und Rücksichtnahme. Zudem bedeutet der Prozess des Windelwechselns bei einem erwachsenen Menschen Stress und Kraftaufwand für alle Beteiligten. Viele Patient:innen müssen mit einem Lift aus dem Bett gehoben oder zum Windeln wechseln ins Bett gelegt werden. Das ist harte körperliche Arbeit. Deshalb ist es aus menschlicher Sicht so wertvoll, es nur so oft wie nötig zu machen. Auch, um Nebeneffekte wie Hautprobleme, Unbehagen oder eine psychische Belastung soweit es geht zu vermeiden. Dadurch steigt auch die Lebensqualität der Patient:innen in ihrer letzten Lebensphase. Eine weitere Herausforderung ist unsere global alternde Gesellschaft. Wir sehen schon jetzt, dass der Pflegeschlüssel nicht gut ist. Es fehlen Pflegekräfte, um würdiges Altern zu unterstützen. Mit Blick auf die Zukunft kann die Pflege nicht über Personalsteigerungen aufgefangen oder verbessert werden, aber digitale Lösungen können Erleichterung schaffen.

Jenna Könneke, Director Market Strategy Adhesive Technologies Consumer Goods at Henkel

Eine Herausforderung ist unsere global alternde Gesellschaft. Wir sehen schon jetzt, dass der Pflegeschlüssel nicht gut ist. Es fehlen Pflegekräfte, um würdiges Altern zu unterstützen.

Welches Kosten- und Einsparungspotential haben smarte Windeln im Vergleich zu herkömmlichen Windeln?

Ulrich: Unsere smarte Windel ist eine digitale Lösung, die mit einem konventionellen Windelprodukt nicht vergleichbar ist. Den zusätzlichen Kosten der Sensoren, Soft- und Hardware stehen Einsparungen von Material und die Entlastung des Gesundheitssystems gegenüber. Im Hinblick auf den Materialverbrauch sparen die Einrichtungen doppelt, da nur dann die Windel gewechselt wird, wenn es wirklich nötig ist. Zusätzlich kann aufgrund der erhobenen Daten ein Produkt mit weniger Kapazität eingesetzt werden. Auch das bedeutet eine Materialersparnis. Die Entlastung des Gesundheitssystems ergibt sich zum Beispiel daraus, dass Wundliegen verhindert wird, dessen Behandlungskosten für einen einfachen Fall bei etwa 5.000 Euro liegen. Wenn man alle Faktoren zusammenrechnet, spart man mit unserer Smart Adult Care-Lösung also sowohl Kosten als auch Ressourcen.

Ulrich Wagner, Business Development Manager Digital Hygiene Solutions EIMEA at Henkel

Wenn man alle Faktoren zusammenrechnet, spart man mit unserer Smart Adult Care-Lösung also sowohl Kosten als auch Ressourcen.

Wo kommen smarte Windeln schon zum Einsatz?

Ulrich: Wir befinden uns in der letzten Testphase vor der Markteinführung. Aktuell stehen wir in Italien vor dem Abschluss einer großen Studie mit 25 Patient:innen, die sehr erfolgreich gewesen war. Italien wird auch das Land sein, in dem das Produkt voraussichtlich noch in diesem Jahr auf den Markt kommt.

Welche weiteren Produkte im Pflegebereich kann man zukünftig smart gestalten?

Ulrich: In Pflegeeinrichtungen kommen schon jetzt digitale Gesundheitslösungen zum Einsatz, die von smarter Gesundheitsorganisation, digitaler Dokumentation bis hin zu elektronischer Überwachung von Bewohner:innen reichen – und es kommen täglich neue dazu. Henkel Qhesive Solutions, das Digitalportfolio von Henkel Adhesive Technologies, arbeitet zum Beispiel an intelligenten medizinischen Heftpflastern. Diese sind mit Sensoren ausgestattet, die Vitalfunktionen zu Hause messen und überwachen.

Gedruckte Elektronik wird in intelligenten Gesundheitspflastern verwendet, die beispielsweise zur Überwachung von Herzfrequenz, Gehirn- oder Muskelaktivität eingesetzt werden können.

Gedruckte Elektronik wird auch für Smart Health Patches verwendet, die Lebenszeichen wie beispielsweise Herzfrequenz, Hirnaktivität oder Atemmuster aus der Ferne überwachen können.

Jenna: Und es gibt viele weitere Produkte und Prozesse, die sich durch Digitalisierung verbessern lassen. Es geht immer darum, die richtigen Daten zu sammeln und intelligent zu interpretieren. Da liegt das große Potenzial. Digitalisierung soll Anwender:innen und Nutzer:innen als echte Hilfe dienen, gerade bei der Prävention von Krankheiten. Dafür haben wir zum Beispiel intensiv an Klebstoffen für Medical Wearables geforscht, die den Patient:innen mehr gesundheitliche Eigenverantwortung übertragen.

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