16.05.2019

Wie Kleinbauern in Honduras beim nachhaltigen Palmölanbau unterstützt werden

Die Ölpalme als Chance

Man harvesting palm fruits in the palm forest

 

Der Ölpalmenanbau hat die Lebensqualität von Kleinbauern im Norden Honduras erheblich verbessert. Gleichzeitig hat der schnelle Wandel auch Herausforderungen mit Blick auf die Verantwortung gegenüber der Umwelt, sichere Arbeitsbedingungen und einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt von verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Lösung? Schulungen zu moderner Landwirtschaft, offene Kommunikation entlang der gesamten Wertschöpfungskette und effektive Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung.

Palm oil farmer

Nach der Zerstörung der Bananenernte 1974 beschlossen die honduranischen Bauern, Ölpalmen anzubauen, um ihre Gemeinden wieder aufzubauen.

In den frühen 1970er Jahren verließ Fausto Martínez sein Zuhause in der indigenen Lenca-Gemeinschaft in Guajiquiro, Honduras, um nach Arbeit zu suchen. Ohne eine richtige Schulbildung zu besitzen oder Lesen und Schreiben zu können, war eine Arbeit auf den Bananenfarmen mehr als 300 Kilometer nord-östlich seine einzige Möglichkeit. So lernte er viel über Landwirtschaft – aber die Arbeitsbedingungen waren schlecht, da die rechtlichen Bestimmungen zum Schutz der Arbeiter selten durchgesetzt wurden. „Aber immerhin war es eine Arbeit“, sagt Fausto.

Ende 1974 traf der Hurrikan Fifi-Orlene den Norden Honduras. Es war die schlimmste Naturkatastrophe, die Honduras je erlebt hatte: Die gesamte Bananenernte des Landes wurde vernichtet und ganze Gemeinschaften wurden über Nacht ausgelöscht. Die Lebensgrundlage von Zehntausenden von Honduranern wie Fausto war vollständig zerstört.

Ein Jahr später reagierte die honduranische Regierung auf die jahrzehntelangen Proteste der Honduranischen Bauernbewegung mit einem Agrarreformgesetz. Ziel der neuen Gesetzgebung waren verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Menschen in der lokalen Bananenindustrie. „Das waren sehr schwierige Jahre“, erinnert sich Fausto. „Wir haben versucht, Reis, Mais und andere Feldfrüchte anzubauen, aber das holt letztendlich niemanden aus der Armut.“

Auf Ölpalmen gesetzt

Die Anführer der Bauernbewegung trieben neue Projekte mit Pflanzen voran, die das Potenzial hatten, die Lebensqualität zu erhöhen. Nach einer intensiven Debatte unter den Landwirten fiel ihre Wahl auf die Ölpalme. Eine Entscheidung, die die gesamte Region verändern würde – ebenso wie die Lebensbedingungen ihrer Gemeinschaften und Bauern.

„Der Anfang war sehr schwierig, weil es kein Vertrauen gab“, erklärt Fausto. „In einer Kooperative zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Viele hatten das Gefühl, dass andere sie ausnutzen und sie für jemand anderen arbeiten. Als unsere erste Ernte zu miserablen Preisen verkauft wurde, haben wir beschlossen, unsere eigenen Früchte zu verarbeiten, um mehr Wert zu erzielen. Mit Unterstützung aus den Niederlanden erhielten wir 1985 eine Extraktionsanlage. Das war der Punkt, an dem sich unser Leben veränderte.“

Palm fruit

Sobald die Palmfrüchte entnommen und gereinigt wurden, können sie zu Palmöl und Palmkernöl verarbeitet werden.

Nachdem er sich mit Menschen aus der gesamten Kleinbauerngemeinde zusammengeschlossen hatte, wurde Fausto einer der Gründer von Hondupalma – einer Organisation, die 31 assoziierte Gruppen und Hunderte von unabhängigen Partnern und Produzenten vertritt. Ihr gehören nun verschiedene Verarbeitungsanlagen, eine Mandelfabrik sowie ein Tank für den Ölexport, eine Turbine zur Stromerzeugung und Anlagen zur Biodieselerzeugung. „Wenn man es nicht mit eigenen Augen sehen könnte, würde man nie glauben, wie weit wir in diesen 35 Jahren gekommen sind“, sagt Fausto.

Aufbruch zu neuen Herausforderungen

Im Norden von Honduras leben etwa 20.000 Kleinbauern. Wie Fausto sahen sie die Ölpalme als Chance, sich und ihre Familien aus der Armut zu befreien. Als die Bauern begannen, Profite zu erzielen, gewannen zusätzliche Faktoren an Gewicht – darunter die Verantwortung für Umwelt, Arbeiterrechte und einen Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gemeinden.

Vor allem mussten die Ölpalmen-Kleinbauern in Honduras Maßnahmen ergreifen, um eine qualitativ hochwertige und nachhaltige Produktion zu gewährleisten. Grundsätzlich wirft die Ölpalme mehr Ertrag als andere Feldfrüchte ab, allerdings wird die Palmölindustrie mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt sowie auf die Menschen, die in dieser arbeiten oder deren Gemeinschaften unmittelbar beeinflusst werden, in Verbindung gebracht.

   

Der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) bietet ein anerkanntes Zertifizierungsprogramm für Palmöl und Palmkernöl, das Kriterien von der Abholzung des Waldes bis hin zu Arbeiterrechten umfasst. Die Zertifizierung allein reicht jedoch nicht aus, um eine Transformation dieser Industrie voranzutreiben. Deshalb hat sich die niederländische Regierung 2012 mit Henkel und der internationalen zivilgesellschaftlichen Entwicklungsorganisation Solidaridad zusammengeschlossen, um den RSPO-Standard in Honduras zu fördern.

Kleinbauern durch Schulungen stärken

Zunächst stellten diese Partner fest, dass die Kleinbauern umfangreiche technische Unterstützung benötigten und dass es einen gravierenden Mangel an Kommunikation zwischen den einzelnen Teilen der Lieferkette gab. Solidaridad und Henkel unterstützten gemeinsam Projekte, die Kleinbauern zu modernen landwirtschaftlichen Techniken für den Anbau von Ölpalmen schulten. So konnten die Bauern ihre Produktivität steigern und zunehmende Erwartungen an Sicherheit und Umweltverträglichkeit erfüllen. Sich weiterzubilden sicherte auch den eigenen Arbeitsplatz und verbesserte die Existenzgrundlage der Bauern und ihrer Familien.

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Erneuerung: Palmöl

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Eine neue Perspektive verändert Leben

Palmöl ist ein umstrittenes Gut, das Herausforderungen mit sich bringt – deshalb reagieren viele Menschen und Organisationen zunächst ablehnend und versuchen Palmöl zu vermeiden. Solidaridad und Henkel sind jedoch überzeugt, dass es möglich ist, durch die direkte Zusammenarbeit mit Kleinbauern und Gemeinden Fortschritte mit Blick auf die Nachhaltigkeit in dieser Industrie zu erreichen. Das Ziel: Die beiden Partner wollen 100 Prozent der Produzenten in dieser Region bei ihrer RSPO-Zertifizierung unterstützen und – über die Zertifizierung hinausgehend – auf nachhaltige Landschaften setzen.


„Es ist wichtig, dass die Menschen verstehen, dass in einem Land wie Honduras, in dem das Agrarmodell auf Kleinbauern-Kooperativen basiert, der wirtschaftliche Effekt auf die Lebensgrundlage vieler Menschen groß ist“, sagt Omar Palacios, Solidaridad Country Director für Honduras. „Die Mentalität der Menschen zu verändern braucht Zeit. Aber wir dürfen nicht aufhören. Es geht nicht darum, ihre Produkte zu verbieten, sondern sie bei der Verbesserung ihrer Herstellung zu unterstützen.“

For their dedication to responsible farming, Fausto and his colleagues earned certificates from Solidaridad

Für ihr Engagement für einen nachhaltigen Anbau erhielten Fausto und seine Kollegen Zertifikate von Solidaridad.

Ein Modell, das weltweit einen Unterschied macht

Die Palmölindustrie in Honduras hat sich inzwischen zu einem regionalen Marktführer entwickelt. Sie bietet ein Modell dafür, wie Privatsektor, Kooperativen und lokale Regierungen zusammenarbeiten können, um schnell und effektiv bessere regulatorische Rahmenbedingungen umzusetzen – und dieses Modell wird nun auf andere Rohstoffe in Honduras und der gesamten Region ausgeweitet. So hilft der Erfolg der Kleinbauern in Honduras Solidaridad aktuell, ein innovatives und integratives Kleinbauern-Modell in Nicaragua aufzubauen.

  

Nachdem er fast 40 Jahre lang in der Landwirtschaft gearbeitet hatte, konnte Fausto schließlich eigenes Land kaufen. Fünf Jahre später besitzt er heute 21 Hektar Land für die Agroforstwirtschaft mit Ölpalmen, Bananen, Kochbananen und Kakao. „Die stärkste Veränderung, die ich gesehen habe, ist der kulturelle Wandel“, sagt Fausto. „Ich verstehe mittlerweile, dass die meisten Menschen die Dinge auf die gleiche Weise machen, weil ihnen niemand gesagt hat, dass es eine bessere Möglichkeit gibt, das Land zu bearbeiten, die Ressourcen zu nutzen und miteinander zu sprechen. Ich habe so viele Leute getroffen und so viele Ideen gehört. Und obwohl ich nie Lesen oder Schreiben gelernt habe, hat mir die Ölpalme eine Ausbildung für meine fünf Kinder ermöglicht. Vielleicht wird das Lernen zu lernen die wertvollste Lektion für uns alle sein.“